"Gibt es Microsoft Office für Linux?"

Kurze Antwort: Ja, aber.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, MS Office unter Linux zu fahren (siehe EmulationSoftware). Die Frage ist, ob man will.

Eines der Ziele von Open Source ist die Abhängigkeit zu einem einzigen Hersteller zu zerschlagen. Wenn du Linux benutzt, kann Microsoft (oder Sun oder IBM oder ...) i.A. nicht mehr kontrollieren, was mit deinem Rechner passiert: sie können dir keine Lizenzen mehr aufdrücken, in denen steht daß die Lizenz jederzeit einseitig änderbar, und kündbar ist (siehe Windows XP).

Wenn du aber immer noch wichtige Dokumente mit MS Office erstellst, oder deine Musik im WMA (oder Quicktime) Format abspeicherst, oder ähnliches, dann malst du dich selber in die Ecke - dann gibt es nämlich nur noch einen einzigen Weg für dich, um zu deinen(!) eigenen Daten zu kommen, und der führt über Microsoft. Damit ist die Abhängigkeit wieder hergestellt - wer garantiert dir, daß Microsoft nächstes Jahr nicht plötzlich eine Jahresgebühr für die Benutzung von Word verlangt (tun sie für Firmen schon! nennt sich sinnigerweise "Open License"...)? Oder dir verbietet, Word unter einem Nicht-Windows-Betriebssystem auszuführen? Oder ...

Alternativen

Also, vielleicht solltest du schon konsequent der Abhängigkeit absagen und ein Produkt wie ?StarOffice (bzw. OpenOffice) o.ä. benutzen. Was MS Office kann, können die schon längst. Zusätzlich haben sie ein Dokumentenformat, das (u.a. weil XML-basiert und nicht als Geschäftsgeheimnis deklariert) auch in der Zukunft noch lesbar bleiben wird. Schon alleine wegen der Praktikablität sollte man bei einigen Arbeiten aber sowieso auf Office-Software verzichten, denn wissenschaftliche oder allgemein größere Dokumente sind mit Latex i.a. besser aufgehoben. Latex gibt auch nicht "schon" ab der zehnten Grafik oder Formel den Geist auf.


Die andere Zukunft

Das folgende ist eine etwas schwarzseherische Prognose von mir, wie ein MS Office für Linux aussehen könnte. Leider sind die krassesten Teile davon heute unter Windows schon Realität...

Kommentare zu diesem Artikel bitte hier: MicrosoftOfficeKommentare.

Es wird einen großen "SETUP" Klotz geben (keine RPMs oder sowas, da Microsoft eine "aktive" Installationsroutine benötigt, und das RPM-Format nicht kontrollieren kann). Dieses Installationsprogramm wird 1000 Dateien über deine /usr/sbin, /usr/lib, /usr/share, /var/lib, /home und /etc Verzeichnisse verteilen, auch wenn du /usr/local/ms-office als Installationspfad angegeben hast. Der "Microsoft Linux Installer" wird sich beschweren, daß es mit anderen Paketmanagern nicht zusammenarbeitet und daß Du eventuell von jetzt an nur noch *.msl Pakete von linux.microsoft.com herunterladen willst, um Dein System optimal konfiguriert zu halten.

Es wird eine Uninstall Option geben, die eine Verbindung zu microsoft.com benötigt und einen "Uninstaller" herunterlädt (und merkwürdigerweise auch jede Menge Daten hochlädt - laut Microsoft ist das nur die Registrierungsnummer...). Dieser Uninstaller läuft nur als root. Und er wird nicht vor dem ersten "Service Pack" funktionieren (welches natürlich als *.msl Paket daherkommt und in /sbin einige Programme, wie z.B. iptables, ifconfig, route, ... durch "optimierte Versionen" ersetzt).

Natürlich gibts Internet Explorer 5.5. Dieser muß komplett installiert werden, wenn man in Word HTML-Import/Export benutzen will - und sonst kann man ja sowieso nicht "den vollen Funktionsumfang von MS Office" benutzen. Der IE wird automatisch Deine Bookmarks vom Konqueror, Mozilla, Netscape & Co konvertieren und die dann ja nicht mehr benötigten Originale entfernen ("Ihr System wird konfiguriert."). Das MS-Bookmarkformat wird binary sein (also schwer rückwandelbar). Das Löschen von Konkurrenzkonfigurationen von MS-Produkten ist Realität, frag mal Amipro oder Wordperfect-User.

Microsoft wird denjenigen, die sich beschweren, erzählen daß sie doch während der Installation (nur im Expertenmodus natürlich) die Checkbox " "Options / Internet Explorer / Post-Install Options / Advanced / ?x Autoconvert older browser bookmarks" hätten deaktivieren können.

Internet Explorer wird sich beim ersten Start beschweren, daß es in einer inkompatiblen Desktop/Windowmanager-Umgebung läuft und daß man doch bitte den "Microsoft Linux Desktop" (als *.msl) installiren soll. MS Desktop wird sich die KDE/Gnome-Menüeinträge greifen und die Originale entfernen ("Überflüssige Dateien werden entfernt ...").

Zu diesem Zeitpunkt wird es drei jeweils wohl um die 5 MB große "Uninstaller" geben, die womöglich noch in "/Programme/Microsoft/Uninstall" liegen. Jedes dieser Uninstaller wird sich beschweren, daß es nicht deinstalliert werden kann, während die beiden anderen noch installiert sind. Natürlich bemerkt Microsoft (irgendwann) offiziell den Fehler, versucht es erst auf Inkompatibilitäten der zersplitterten Linux-Versionen zu schieben, aber entschuldigt sich schließlich bei allen Anwendern und kündigt im Rahmen einer Presseerklärung an, daß schon ein Plan existiert, der sich um Leute kümmern soll, die sich über ein Konzept für ein eventuell zu entwickelndes Upgrade Gedanken machen sollen. Währenddessen bleibt MS Office un-deinstallierbar.

Naja.

Wenn Du dann wahrhaftig eines der (sieben) Office-Anwendungen startest, wird das komplette System hart abstürzen, sobald Du eines der Programme wie "strace", "gdb" oder ähnliches startest. Natürlich laufen alle MS Office Anwendungen nur als root - genauso wie unter NT die Hälfte nicht mehr funktioniert, wenn man nicht Administrator ist. Wenn Du Netzwerkfunktionalität möchtest, wirst Du das "Microsoft Office 2000 Network Install Upgrade" kaufen müssen, welches die Installation unter anderem davon abhält, JEDE Datei (egal wer sie anlegt) als root.root in "/Eigene Dateien" zu speichern.

Es wird nicht möglich sein, aktive Inhalte auf *.microsoft.com Seiten zu deaktivieren (vielmehr wird der Internet Explorer sie ausführen, egal was Du einstellst - so ist es ja auch heute unter Windows schon). Internet Explorer wird von Zeit zu Zeit Deine eingstellte Homepage einfach vergessen und eine der Windows 2000, Office XP oder Millenium Seiten laden. Natürlich bringt auch Internet Explorer das gesamte System zum Absturz, sobald Du tcpdump oder ähnliches aufrufst.

Du wirst während einer Word- oder Excel-Sitzung gelegentlich DNS-Anfragen von Deiner Maschine zu activex.microsoft.com, update.microsoft.com oder ähnliches bemerken (falls Dein DNS Server sowas protokolliert). Microsoft wird Leuten mitteilen, daß MS Office ab und an nach Updates und neuen Versionen schaut.

</schwarzseher>

Natürlich wird es nicht SO passieren. Aber irgendwas in der Richtung kann ich mir durchaus vorstellen - denn Microsoft geht in keinen Markt, in dem sie nicht sicher sind, daß sie die Konkurrenz über kurz oder lang raustreten/betrügen/würgen könönen.

Gott sei Dank hat Microsoft den Eindruck der OSS Welt auf die IT Welt anscheinend immer noch nicht begriffen, sonst hätten sie viel früher eingegriffen. Vor zwei Jahren hätte die EU niemals davon geträumt, zu Sicherheitsüberprüfungen Windows-Sourcecode anzufordern. Vor zwei Jahren hätte Fankreich niemals davon geträumt, in öffentlichen Institutionen closed source Software "aus Sicherheitsgründen" zu verbannen. Vor zwei Jahren hätte die Bundesregierung niemals entschieden, daß im Bundestag hunderte von Servern ausschließlich auf Linux laufen werden.

Naja. :-)

JensBenecke